Permakultur – die unterschätzte Chance für Biodiversität?

Permakultur – die unterschätzte Chance für Biodiversität?

Die Permakultur ist ein ganzheitliches Gestaltungskonzept, das im Wesentlichen von Bill Mollison und David Holmgren, zwei australischen Designern, in den 1970er Jahren entwickelt wurde. In der Permakultur werden durch Naturbeobachtung und Analyse der Funktionalität in den Ökosystemen komplexe Probleme mit natürlichen Mitteln angegangen. Ein Beispiel dafür ist das geschickte Kombinieren von Pflanzen: die „drei Schwestern“, Mais, Erbsen und Kürbisgewächse helfen sich gegenseitig. Mais dient den Erbsen als Rankhilfe, die Erbsen binden Stickstoff und geben diesen an den Boden ab und der Kürbis bedeckt den Boden, um Beikräuter zu unterdrücken. Natürliche Muster, die im Gestaltungskonzept der Permakultur genutzt werden, finden sich aber auch auf größeren Ebenen der Natur: in ganzen Ökosystemen wie Wäldern oder Mooren.

„Permakultur dreht sich um die Gestaltung nachhaltiger menschlicher Siedlungen. Es ist eine Philosophie und ein Konzept für Landnutzung, das ein- und mehrjährige Pflanzen, Tiere, Boden, Wassermanagement und menschliche Bedürfnisse zu komplex vernetzten produktiven Gemeinschaften verbindet.“

– Bill Mollison

Die Permakultur baut auf drei ethischen Grundprinzipien auf, die jede Form der Gestaltung von Landschaften untermauern müssen. Diese sind: Sorge um die Erde, Sorge um die Menschen, sowie Faires Teilen. Durch diese Grundlage ist sichergestellt, dass Permakultur-Gestaltung sowohl die Natur als auch den Menschen im Blick hat und Erträge unter den Menschen geteilt werden.

Permakultur in der Landwirtschaft

Die Landwirtschaft ist heute eine immense Quelle von Treibhausgasen. Weltweit werden nach Zahlen der amerikanischen Umweltschutzbehörde (EPA) 24% aller Treibhausgasemissionen durch die Landwirtschaft verursacht, knapp hinter den Sektoren Elektrizität und Heizen mit 25%. Auch ein großer Teil des Verlusts der Artenvielfalt geht auf die Landwirtschaft zurück, da für die Schaffung von Ackerland Wälder gerodet und Feuchtgebiete entwässert werden und auf bestehendem Ackerland Pestizide, Fungizide, Herbizide und Düngemittel eingesetzt werden.

Die Permakultur vertritt den Ansatz, dass Landwirtschaft für den Menschen möglich ist, ohne Treibhausgase auszustoßen oder die Biodiversität zu gefährden. Wie in der biologischen Landwirtschaft verzichtet die Permakultur auf Spritz- und Düngemittel. Auch die Bodengesundheit spielt eine große Rolle. Deshalb wird auf tiefes Pflügen verzichtet, um Erosion und damit den Verlust kostbaren Mutterbodens zu vermeiden. Durch Methoden des Humus-Aufbaus kann CO2 aus der Atmosphäre im Boden gespeichert werden und macht diesen fruchtbarer. Landwirtschaft mit Permakultur setzt auf natürliche Methoden, um Böden mit Nährstoffen anzureichern und Beikräuter zu unterdrücken sowie Schädlinge zu bekämpfen. Die Produktivität ist gegeben, wie durch Forschung auf verschiedenen Permakultur-Höfen (z.B. Bec Hellouin in Frankreich) bestätigt werden konnte.

Die Herangehensweise der Permakultur ist dabei konträr zur „konventionellen“ Landwirtschaft. Letztere setzt seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts darauf, natürliche Prozesse mit hohem Energie- und/oder Chemieaufwand zu beeinflussen. Stattdessen wird in der Permakultur mit der Komplexität der Natur gearbeitet. Eine landwirtschaftliche Fläche, die nach Permakultur-Prinzipien gestaltet wurde, stellt ein funktionierendes Ökosystem dar. Funktionierende Ökosysteme regulieren sich selbst und benötigen deshalb nur wenig externe Einflussnahme und Pflege. Jedes „Unkraut“, jeder „Schädling“ hat einen Fressfeind und wird unter Kontrolle gehalten, ohne dass Landwirte viel dazu tun müssen.

Konkrete Umsetzung

Mollison und Holmgren schlagen vor, mehrjährige und ausdauernde Pflanzen anzubauen, die dauerhaften Ertrag bringen, ohne dass der Boden jedes Jahr gepflügt, Saatgut ausgebracht und die Pflanzen gespritzt werden müssen. Allerdings kann man sich nicht nur von Obst und Nüssen ernähren. Es braucht auch Getreide, Hülsenfrüchte und Ölsaaten, um eine ausgewogene Ernährung sicherzustellen. Holmgren plädiert dafür, mehrjährige Getreide zu züchten, die dann nicht mehr jedes Jahr neu ausgesät werden müssen. Auch die Tierhaltung wird in Gegenden, wo die Bodenbedingungen nicht für Ackerland ausreichen, weiterhin eine große Rolle spielen.

Permakultur – die unterschätzte Chance für Biodiversität?

permaculture strata-title garden – keyhole beds von Milkwood.net auf Flickr. Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

Die natürliche Landwirtschaft, entwickelt vom japanischen Agrarwissenschaftler und Bauern Masanobu Fukuoka, verzichtet auf das Pflügen und setzt stattdessen auf verschiedene Techniken, um Beikräuter unter Kontrolle zu halten. Dazu gehört das Mulchen, also das Ausbringen von Biomasse auf die Böden, sowie die Pflanzung von bodenbedeckenden, stickstoffbindenden Pflanzen, die gleichzeitig die Fruchtbarkeit erhöhen. Auf seiner Farm konnte Fukuoka zwei Ernten pro Jahr einfahren: Im Sommer Reis und im Winter Gerste. Dadurch war der Boden konstant bedeckt und durch das Mulchen mit Stroh wurde die Fruchtbarkeit Jahr für Jahr erhöht. Fukuoka nutzte weder künstliche Dünger noch Spritzmittel oder andere Chemikalien in der Landwirtschaft und seine Erträge waren nur geringfügig niedriger als die der umliegenden, konventionell bewirtschafteten Felder. Zwar kritisieren einige Landwirte an seiner Technik, dass sie nur sehr schwer auf andere Kontexte anzuwenden sind. Die Permakultur ist aber kein Patentrezept: die Bewirtschaftung jeder Fläche muss individuell an die Gegebenheiten angepasst werden. Und dazu zählen der Zugang zu Wasser, die Topographie, bestehende Strukturen und Pflanzen, Boden-, Wind-, und Sonnenverhältnisse, Fruchtbarkeit und viele weitere Faktoren. Um all diese Faktoren richtig zu deuten, braucht es eine ausführliche Beobachtung und Analyse des Geländes.

„The Map is not the Territory“

– Bill Mollison

Auch für eine nachhaltige Weidewirtschaft hat die Permakultur eine Antwort gefunden. Das Holistic Management, entwickelt von Alan Savory, fußt auf der Beobachtung, dass die von Weidetieren umgetretenen Halme auf dem Boden verrotten und somit von Bodenorganismen weiterverarbeitet werden. Außerdem wird der Boden durch den Dung der Tiere mit Stickstoff angereichert. Bei der Methode des Holistic Management werden Tiere in großen Herden gehalten und von einem Gebiet zum nächsten getrieben, noch bevor die gesamte Fläche abgegrast wurde. Dies sorgt für eine nachhaltige Bewirtschaftung und nährstoffreiche Böden, die auch in vielen hundert Jahren noch für die Tierhaltung genutzt werden können.

Permakultur im Handel und als Teil der Agrarwende

Im Handel kann man Produkte aus Permakultur-Anbau bereits heute kaufen. Ein Permakultur-Siegel ist allerdings nicht sinnvoll, da permakultureller Anbau nicht auf einen Kriterienkatalog eingeengt werden kann. Jede Flächengestaltung ist ein Einzelfall und muss vollkommen individuell gestaltet werden.

Permakultur im Supermarkt kann nur der Anfang einer echten Agrarwende sein. Um das massive Artensterben zu stoppen braucht es immense Anstrengungen im Bereich der Landwirtschaft. Hierzu muss von zwei Seiten vorgegangen werden: Das Landwirtschaftsministerium muss endlich alle Neonicotinoide und Glyphosat verbieten und dafür sorgen, dass wie in Frankreich Fördergelder für Landwirte zur Verfügung gestellt werden, um den Umstieg auf eine nachhaltige Landwirtschaft zu gestalten. Gleichzeitig müssen gangbare Wege erprobt und Expertinnen und Experten zusammen mit Landwirten neue Umsetzungskonzepte für die Landwirtschaft der Zukunft erstellen. Nur so schaffen wir die Agrarwende und damit den Erhalt der verbliebenen Artenvielfalt.

Titelbild: PermaKulturgut.de [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)]

Beitrag erstellt in Ökologie, Umwelt

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