SOER-Bericht 2020: Teil 4/11: Meere

SOER-Bericht 2020: Teil 4/11: Meere

Bild: Von Abrget47j – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=30093432

Die Ostsee ist beliebtes Ferienziel und gleichzeitig stark beeinträchtigtes Ökosystem. Im Kapitel „Meere“ untersucht die europäische Umweltagentur den ökologischen Zustand seiner Meere und bewertet die bisher getroffenen europäischen Bestimmungen.

Die Marine Strategie Rahmenrichtlinie (MSFD) von 2008 ist die wichtigste europäische Maßnahme zum Schutz der europäischen Meere (von Ostsee bis Nordostatlantik zu Mittel- und Schwarzem Meer), deren Ziel der gute ökologische Zustand der europäischen Meeresgewässer bis 2020 ist.

Schlüsseltrends
Die europäischen Meere sind in ihrer geographischen Größe, Struktur und Produktivität sehr unterschiedlich. Die Bandbreite reicht von flachen Binnenmeeren zu tiefen Ozeanen inklusive unterschiedlicher Küstenzonen mit fruchtbaren Gezeitengebieten, Lagunen und uralten Seegrasgebieten. Das Mittelmeer ist dabei der Biodiversitätshotspot und Heimat von 18 % der weltweit mit bloßem Auge sichtbaren Meereslebewesen. Die meisten gehandelten Fisch und Schalentierbestände im Nordost-Atlantik (65%) und der Ostsee (87,5%) erfüllen mindestens ein Kriterium eines guten Fischmanagements. Im Gegensatz dazu sind die meisten Bestände im Mittelmeer (94 %) und im Schwarzen Meer (85,7%) überfischt. Zusätzlich nehmen die Bestände aller Hai- und Rochenarten in allen Meeren rapide ab. Positive Entwicklungen zeigen sich beim Blauflossenthunfisch. Durch strenge Beschränkungen der Fischerei haben die 2005-2007 noch vom Aussterben bedrohten Tiere 2014 stabile Reproduktionszahlen erreicht. Der Rückgang sensibler Arten um 69% in den stark befahrenen Gewässern und der Beifang von Meeressäugetieren, Seevögeln und nicht kommerziell nutzbaren Fischen bleibt aber ein großes Problem.
Für Seevögel und Lebensräume allgemein zeigt sich ein ähnliches Bild: grundsätzlich starke Verschlechterung der Situation, nur einzelne Arten stabilisieren sich aufgrund gezielter Schutzmaßnahmen. 33% der europäischen Seevogelarten gehen zurück, 22 % davon sind akut gefährdet. In der norwegischen Arktis, der Nordsee und der Irischen See ist ein Verlust von 20% der Seevogelpopulationen innerhalb der letzten 25 Jahre zu verzeichnen. Einzelne Verbesserungen gibt es bei gezieltem Management und durch das Verbot von DDT und PCB bei den Seeadlern. Innerhalb der verschiedenen Lebensräume sind vor allem die Habitate am Meeresboden besonders gefährdet. 65 % der geschützten Habitate sind hier in einem ungünstigen Zustand, und das 20 Jahre nach Inkrafttreten der Habitatrichtline. Hauptursache ist die Schleppnetzfischerei Durch die globale Erwärmung mit einhergehender Versauerung und steigender Sauerstoffarmut der Meere verschlechtern sich die Lebensbedingungen für Arten und Ökosysteme.

Belastungen und ihre Folgen

Kontaminierung durch Schadstoffe
Vor allem Phthalate, die die menschliche Fortpflanzungsfähigkeit reduzieren, kommen aktuell in hohen Konzentrationen auch in den europäischen Meeren vor. Das weit verbreitete Diethylhexylpththalat, DEHP, ist als prioritäre Substanz innerhalb der EU Wasserrahmenrichtlinie gelistet. Andere Substanzen wie Dioxine werden vor allem in fettreichen Fischen wie Heringen und Lachs in der Ostsee nachgewiesen.

Eutrophierung
In 40 % der europäischen Meere werden die Nitrat-Grenzwerte überschritten . Der Nitrateintrag hat sich in den letzten Jahren verringert, die Ostsee und das Schwarze Meer bleiben jedoch langfristig eutroph. 97 % der Ostsee sind betroffen, Modelle zeigen jedoch eine mögliche Erholung des baltischen Beckens zwischen 2030 und 2040. Weitere Bereiche könnten diesen Zustand 2090 erreichen. Die zentrale Ostsee und das Bottnische Meer könnten erst 2200 regeneriert werden, und die bottnische Bucht und der Golf von Riga sind überhaupt nicht mehr in einen guten Zustand zu bringen.
55 % der gesamteuropäischen Küstengewässer sind in gutem ökologischem Zustand, aber auch hier zeigen sich starke Schäden in Ostsee und Schwarzem Meer. Die Nitrateinträge aus punktuellen Quellen sind im Gegensatz zu den diffusen Einträgen zurückgegangen. Insbesondere die Nutzung von mineralischen Düngern hat in manchen Regionen stark zugenommen. Die Landwirtschaft ist der Haupttreiber der diffusen Einträge an Nitrat und organischem Material in die Meere. Punktuelle Nitratquellen sind nach wie vor Kläranlagen und Überflutungen.

Reduzierter Sauerstoffgehalt im Meer
Eine extreme Folge der Eutrophierung, die Hypoxie, führt zum Sauerstoffverlust eines Gewässers bis zum breiten Absterben aller marinen Arten. Durch steigende Wassertemperaturen steigt die Häufigkeit der Hypoxie deutlich, da warmes Wasser weniger Sauerstoff speichern kann als kaltes. Hypoxie kommt vor allem in Ostsee und Schwarzem Meer häufig vor, schleichender Sauerstoffrückgang ist außerdem in der Nordsee ein Problem. Die Sauerstoffkonzentrationen sind dabei in manchen dänischen Fjorden und der Deutschen Bucht von 1990-2017 um 9% zurückgegangen.

Hydromorphologische und andere physische Einflüsse
19% der europäischen Küstenlinie sind von permanente physische Veränderungen wie Bautätigkeiten, Häfen, Flutvorsorgeeinrichtungen und Landgewinnung geprägt. Zusätzlich sind 25 % der Küstengebiete (inkl. der 12-Meilen-Zone) von der Beeinträchtigung des Meeresbodens durch Ölplattformen, Offshoreanlagen, Gasinstallationen und Anlagen zur Fisch-, Schalentier und Mineraliengewinnung betroffen. Und 16 % des europäischen Meeresbodens sind durch Schleppnetzfischerei und Fahren in seichtem Gewässer stark beeinträchtigt. Besonders betroffen sind hier Nordsee und Irische See, wo 58 % des Meeresgrundes durch Schleppnetzfischerei stark gestört sind.

Klimawandel
Die globale Meeresoberfläche stieg von 1901 bis 2015 um 19,5 cm, mit einer jährlichen Zunahmerate von 1,7 mm. Damit einher gehen häufigere Überschwemmungen.

Ausblick
Insbesondere im Mittelmeer und im Schwarzen Meer ist in Bezug auf Überfischung keine Verbesserung festzustellen. Die seit 2003 gültige Reform der Gemeinsamen Fischereistrategie wurde nicht durchgängig umgesetzt. Außerdem hat kein Mitgliedsstaat die Fristen zur Meldung der aktuellen Meeresdaten im Rahmen des Meeresstrategierichtlinie eingehalten. Fazit der Europäischen Kommission: kein Mitgliedsland engagiert sich beim Meeresschutz; entsprechend unwahrscheinlich ist die Erreichung der bis 2020 gesetzten Ziele. Auch die Europäische Umweltagentur stellt fest, dass es nicht an europäischen Gesetzen fehlt, sondern an deren Umsetzung auf nationaler und grenzüberschreitender Ebene sowie der Integration des Naturschutzgedankens in die einzelnen Politikfelder. Zitat: „Europa scheint noch zu lernen:
1) dass die nachhaltige Nutzung der Meere beschränkt ist,
2) wie Veränderungen einer grenzüberschreitenden, ökosystembasierenden Umwelt adressiert werden müssen.“

Beitrag erstellt in Uncategorized

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.