Ewigkeitschemikalien (“PFAS”): Weg mit dem Gift!

Im Februar hat die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) einen historischen Vorschlag zur Beschränkung von Per- und Polyfluoralkylsubstanzen (PFAS), auch bekannt als „Ewigkeitschemikalien“, vorgelegt. Nun endete die sechsmonatige Rückmeldefrist für Unternehmen, Wissenschaftler*innen, Verbände und die Öffentlichkeit. 

PFAS sind synthetische Chemikalien, die breite Anwendung im Alltag finden, aber extrem schwer abbaubar sind. Das bedeutet, dass  sie sich in der Umwelt anreichern. Unglücklicherweise können sie außerdem zahlreiche Gesundheitsschäden verursachen, darunter Krebs, Leberschäden oder eine verminderte Fruchtbarkeit. PFAS befinden sich in Lebensmittelkontaktmaterialien wie Pizzakartons, Einweggeschirr oder Bratpfannen, in Sport- und Funktionskleidung, Elektronik, Bauprodukten, Kühlmitteln in z.B. Kühlschränken oder Klimaanlagen, in der Beschichtung von Skiern und Snowboards sowie in Feuerlöschschaum – die Liste kann noch lange fortgeführt werden. Es gibt rund 10.000 verschiedene PFAS, deren Langzeitfolgen für Gesundheit und Natur kaum erforscht sind.

Deutschland, Dänemark, Schweden, Norwegen und die Niederlande haben über mehrere Jahre die Verwendung und die Risiken von PFAS für Mensch und Umwelt untersucht. Aufgrund der vielfältigen Probleme mit diesen Stoffen haben die fünf Länder einen Vorschlag zu einer weitreichenden Anwendungsbeschränkung formuliert und im Januar 2023 der EU-Chemikalienagentur vorgelegt. 

An der Beschränkung von PFAS führt kein Weg vorbei

Das „Forever Pollution Project“ [https://foreverpollution.eu/] hat aufgedeckt, dass mehr als 17.000 Stätten in der Europäischen Union mit PFAS verseucht sind, teilweise ist sogar das Grundwasser betroffen. An 640 Stellen konnten PFAS in hohen Konzentrationen von mehr als 1000 Nanogramm pro Liter Wasser nachgewiesen werden. An 300 Orten überstiegen die Werte sogar 10.000 Nanogramm pro Liter. Das sind 10 Mikrogramm –  so viel wie die empfohlene Tagesmenge an Vitamin D oder eine Impfung mit dem Covid-Wirkstoff Comirnaty. Die empfohlene Maximalbelastung mit PFAS beträgt 2 Nanogramm pro Liter. Verseuchte Böden und belastetes Grundwasser beeinträchtigen die Gesundheit vieler Generationen.

 Es ist unmöglich, den Ewigkeitschemikalien im Alltag zu entkommen. Im Blut fast aller europäischen Jugendlichen sind PFAS nachweisbar, bei jedem vierten jungen Menschen werden sogar gesundheitsschädliche Mengen gefunden. Auch ich habe mein Blut auf PFAS testen lassen und erwarte das Ergebnis in wenigen Wochen.

Kommt jetzt endlich das PFAS-Verbot?

Der Ausstieg aus der Verwendung von PFAS ist eine unverzichtbare Maßnahme hin zu einer gesunden, schadstofffreien Umwelt. 

Nach Ende der öffentlichen Konsultation erarbeiten die beiden zuständigen Ausschüsse der Europäischen Chemikalienagentur, der Ausschuss für Risikobewertung RAC (risk assessment committee) und der Ausschuss für sozio-ökonomische Bedeutung SEAC (socio-economic assessment committee) ihre Stellungnahmen zum vorliegenden Vorschlag. Mit einer Fertigstellung ist aufgrund der Komplexität nicht voe dem Herbst 2024 zu rechnen. Auf Basis dieser Stellungnahmen entscheiden die Europäische Kommission und die EU-Mitgliedstaaten dann über mögliche Beschränkungen, voraussichtlich 2025. 

Von den rund 10.000 verschiedenen PFAS sind aktuell lediglich vier von der Europäischen Chemikalienagentur ECHA verboten worden. Das ist ein zentrales Problem in der aktuellen EU-Chemikalienverordnung REACH: Bislang wurden nur eine Handvoll der Substanzen in ihrer Verwendung eingeschränkt, da nach REACH jede Chemikalie einzeln beurteilt werden muss. Und nach der Beschränkung steigen die Hersteller einfach auf eine andere, sehr ähnliche Substanz um. Tausende PFAS einzeln zu begutachten und zu beschränken würde Jahrhunderte dauern. 

Deshalb fordern wir Grüne/EFA einen Gruppenansatz zur Regulierung von PFAS und anderen Substanzen. Zudem sollte es nur eine einzige, universal gültige Beurteilung der Gefährlichkeit von Stoffen geben, nicht jeweils eine eigene für verschiedene Anwendungsgebiete wie zum Beispiel die Detergentien-Verordnung oder die Biozid-Verordnung.

Trotz großer Versprechen im europäischen Green Deal hat die Europäische Kommission die neue REACH-Verordnung bis Ende dieses Jahres verschoben, und es ist nicht einmal sicher, ob sie noch kommen wird. Neue Regeln für den Umgang mit Chemikalien, die Gesundheit und Natur bessern schützen, kann es jedoch nur mit einer neuen REACH-Verordnung geben.

Gefährdet die Einschränkung von PFAS die Energiewende in Europa?

Nein. Es wird kein generelles Verbot von PFAS geben. Bei der eingeschränkten Verwendung geht es darum, die Gesundheit von Menschen und die Natur zu schützen. Lebensmittelverpackungen, Kleidungsstücke und Pfannen können auch ohne krebserregende und fruchtbarkeitsschädigende Chemikalien hergestellt werden. Wärmepumpen können mit fluorfreien Wärmeträgern betrieben werden, Windräder oder Schaltanlagen mit fluorfreien Isoliergasen. 

Nicht überall kann bereits heute auf PFAS verzichtet werden, da es noch keine marktreifen Alternativen gibt. So kommen PFAS bei der Herstellung von Chips zum Einsatz, sind in den Membranen von Elektrolyseuren enthalten oder als Dichtungsmaterial in der chemischen Produktion. Auch in der Medizintechnik, zum Beispiel bei Beatmungsgeräten, gibt es momentan noch keine angemessenen Alternativen. Deshalb wird es selbstverständlich lange Übergangsfristen und Ausnahmen geben. Fakt ist aber auch: Stellen wir einzelnen Sektoren einen Blankoscheck aus, würgen wir jede Innovation ab. Denn wer würde in die Entwicklung eines Ersatzprodukts investieren, wenn die längst abgeschriebenen Produktionsanlagen für PFAS einfach weiterlaufen können?

Letztendlich braucht die Industrie klare Leitplanken für eine nachhaltige Chemikalienpolitik. Neben Planungs- und Innovationssicherheit sichert die Suche nach Alternativen die Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit in Europa.

LINKS:

Grüner Aktionsplan für eine nachhaltige Chemiewende: https://www.jutta-paulus.de/aktionsplan-fuer-die-europaeische-chemiewende-nachhaltig-wettbewerbsfaehig-schadstofffrei/ 

Mein Webinar zu PFAS zum Nachschauen: https://www.jutta-paulus.de/high-level-konferenz-bis-dass-der-tod-uns-scheidet-schluss-mit-den-ewigkeitschemikalien-pfas-in-europa/ 

Öffentliche Konsultation der ECHA zur Regulierung von Ewigkeitschemikalien PFAS: https://echa.europa.eu/fr/-/echa-publishes-pfas-restriction-proposal